Autofrei leben ist nicht schwer - Erfahrungen nach 2 Jahren

Norbert Wendrich,
Projektgruppe Messestadt Riem
im Planungsreferat der
Stadt München:

"Unsere Erfahrungen mit dem Projekt "Wohnen ohne Auto" in der Messestadt sind positiv. Wir haben bisher keine Beschwerden von Bewohnern gehört, das werten wir als gutes Zeichen, das spricht für eine hohe Wohnzufriedenheit.
Insgesamt wurde im neuen Stadtteil das ursprünglich geplante Parkraumkonzept - Stichwort: reduzierte Stellplatzzahl, rollierendes System - allerdings nicht angenommen.
Diese Probleme haben wir bei "Wohnen ohne Auto" nicht. Die Bewohner unterstützen das Konzept aktiv.
Wir von der Stadt begleiten das autofreie Wohnen wohlwollend. Gerne würden wir dies auch an anderer Stelle in der Messestadt Riem unterstützen, nur gibt es dafür bisher kaum Interessenten."

Frau M. lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern seit August 1999 in Münchens erster autofreier Wohnungseigentümergemeinschaft in der Messestadt Riem.

Warum hat sich Ihre Familie für autofreies Wohnen entschieden? Gerade Familien sagen doch immer, sie hätten viele Transporte zu erledigen und weite Wege zurückzulegen.

Wir hatten noch nie ein eigenes Auto und auch noch nie eines vermisst. Ich finde es recht verantwortungslos, Auto zu fahren, ohne die Folgen abschätzen zu können - vor allem die Umweltschäden und deren Folgen für die nachfolgenden Generationen. Außerdem verschandeln Autos die Landschaft. Auch wenn sich das jetzt moralisch anhört - so ist es einfach.

Haben Ihre Nachbarn ähnliche Gründe?

Ich glaube schon. Für die meisten ist es erst mal ein Verzicht auf etwas, was sich ja sonst jeder "Normale" gönnt. Aber dann merkt man, dass es gar nicht so schwer ist und sieht die Vorteile: Man schluckt nicht mehr die Abgase vom Vordermann, steht nicht im Stau, der Kontakt zur Umwelt ist direkter und man hat ohne Blechverpackung eine bessere Aussicht. Und finanziell rechnet es sich auch.

Sie haben seit 1996 in der Bauherrengruppe mitgearbeitet. Wäre es nicht einfacher gewesen, eine passende Wohnung "von der Stange" zu kaufen?

Wir haben ungefähr ein drei Viertel Jahr gesucht, aber nichts Passendes gefunden: Entweder die Baustoffe waren zu lumpig, es gab zuviel Plastik oder die Grundrisse gefielen uns nicht. Und dann hätten wir bei einer Vier-Zimmer-Wohnung oft zwei Parkplätze für 30.000 Mark abnehmen müssen, obwohl wir die ja gar nicht brauchten. Die Baugemeinschaft war die ideale Lösung. Natürlich war es arbeitsaufwändiger, selbst zu bauen, und man trägt auch ein gewisses Risiko. Bei uns hat aber alles wirklich gut geklappt.

In der Baugemeinschaft haben Sie Ihre zukünftigen Nachbarn schon frühzeitig kennen gelernt. War Ihnen das wichtig?

Es war sehr angenehm, nicht in eine fremde und anonyme Gegend zu ziehen. Wir konnten schon vorher freundschaftliche Bande knüpfen, und auch die Kinder lernten sich früh kennen. So fiel es ihnen leichter, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen..

Sind Sie bei Ihren Plänen von der Stadt unterstützt worden? Immerhin kommt ja ein Projekt wie Ihres den Klimaschutz-Zielen der Stadt sehr entgegen.

Unseren Baugrund haben wir von der Stadt München gekauft und die zuständigen Leute waren aufgeschlossen und entgegenkommend. Jetzt sind wir, glaube ich, ein Vorzeigeprojekt.

Sie leben jetzt seit zweieinhalb Jahren in Riem, die Infrastruktur ist noch nicht optimal. Wie lebt es sich so?

Ganz normal (lacht). Nur fahren wir statt Auto mit dem Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Und das Angebot wird auch immer besser. Es kommt ganz selten vor, dass wir uns denken, jetzt wär' ein Auto praktisch. Dann fahren wir halt Taxi. Vielleicht treten wir auch noch dem Car-Sharing von STATTAUTO bei. Und bei Urlaubsfahrten ist die Bahn viel angenehmer.

Würden Sie Ihren Freunden empfehlen, auch autofrei zu leben?

Wenn wir mit anderen Leuten über Leben ohne Auto reden, verfallen sie immer gleich in einen Rechtfertigungszwang, warum sie ein Auto haben. Ich glaube, in der Stadt oder mit guter öffentlicher Verkehrsanbindung lässt es sich sehr gut ohne Auto leben. Und dann sollte man auch die Vorteile genießen.