Knapp ein Viertel der Münchner Haushalte kommt ohne eigenes Auto
aus - und trotzdem bieten weder Stadtplanung noch Wohnungswirtschaft
Konzepte an, die den Bedürfnissen dieser Zielgruppe gerecht werden.
In anderen Großstädten ist die Situation ähnlich.
Die Münchner Initiative "Wohnen ohne Auto" will
dieser autozentrierten Stadtentwicklung entgegenwirken und hat in München-Riem
zusammen mit der Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG) "Autofrei
wohnen", der Genossenschaft WOGENO und der Landeshauptstadt ein
Modellprojekt entwickelt.
Der Standard
Im Normalfall muss für jede neu gebaute Wohnung in München
mindestens ein Auto-Stellplatz nachgewiesen werden. Dies hat zur Folge,
dass die Kosten für Stellplätze auf alle Wohnungen umgelegt
werden, und so zahlen auch jene Bewohner für die Autos, die selbst
keines besitzen.
Was bedeutet autofrei?
"Autofrei wohnen" heißt nicht nur, dass man selbst kein
Auto hat, sondern, dass man davon auch Vorteile hat.
Ein "Autofreier" verpflichtet sich, auf ein eigenes Auto zu
verzichten und lebt in einer Wohnung ohne teuren Stellplatz in einem
attraktiven Umfeld.
Selbstverständlich kann er trotzdem etwa einen Car-Sharing-Wagen
benutzen.
Stadt der kurzen Wege
Voraussetzung für die Akzeptanz von autofreiem Wohnen ist
die Infrastruktur im Stadtteil. Wer mehrere Kilometer bis zum nächsten
Supermarkt hat, wird sich schwer vom Wohnen ohne Auto begeistern lassen.
Auch traditionelle Verkehrsberuhigungskonzepte, die den Autoverkehr
in Wohngebieten lediglich verlangsamen und Stellplätze an den Rändern
des Viertels schaffen, sind keine Lösung. Ziel der Planung muss
vielmehr eine "Stadt der kurzen Wege" sein, in der alle wichtigen
Orte - Lebensmittelladen, Schule, Kindergarten, Arzt etc. - ohne Auto
erreichbar sind. So braucht man nur noch ganz selten einen Pkw, und
wenn, kann man ein Gemeinschaftsauto benutzen.
Bisher steht vor allem die in den Landesbauordnungen verankerte Stellplatzpflicht einer zeitgemäßen, an der Reduzierung des Kfz-Verkehrs orientierten Stadtplanung im Wege und führt in der Praxis zur Quersubventionierung der Stellplätze über den Wohnungspreis. Sie muss durch Regelungen ersetzt werden, die Wohnungsbau und Infrastruktur für den Autoverkehr entkoppeln und eine verursachergerechte Kostenzuordnung sicherstellen.
Münchner Initiative
Münchner Umweltverbände und interessierte Bürger haben
im Sommer 1995 gemeinsam die Initiative "Wohnen ohne Auto"
ins Leben gerufen. Ihr Ziel auf kommunaler Ebene ist die Errichtung
modellhafter autofreier Wohnquartiere. Wir streben Projekte an, die
groß genug sind, um Synergieeffekte zu erzeugen, und bei denen
gewisse Standortvoraussetzungen für autofreies Wohnen erfüllt
sind. Eine wichtige Aufgabe sehen wir darin, Erfahrungen aus anderen
Städten und die Erkenntnisse der aktuellen Fachdiskussion zu vermitteln.
Die Initiative "Wohnen ohne Auto" versteht sich als Partner
für Wohninteressenten, Bauträger, Politik und Verwaltung.
Was bisher geschehen ist -
anderswo und in München
Das Ur-Modell autofreien Wohnens in Bremen-Hollerland wurde zwar
nicht realisiert, doch in Bremen selbst (Grünenstraße) und
in anderen deutschen Städten sowie im Ausland wurden ähnliche
Projekte ermutigt. In vielen Städten leben bereits Menschen in
sehr unterschiedlich konzipierten autofreien oder -reduzierten Wohnanlagen,
zum Beispiel in Hamburg, Freiburg, Kassel, Wien, Edinburgh oder Amsterdam.
In München baute 1995/96 eine städtische Wohnungsbaugesellschaft am Kolumbusplatz das erste Projekt mit 75 Wohnungen. 40 davon sind autofrei. In ihnen wohnen Beschäftigte der Stadtverwaltung und Pflegekräfte aus dem städtischen Krankenhaus Harlaching. Solange mindestens 40 Wohnungen autofrei bleiben, ist die Stellplatzablöse ausgesetzt, andernfalls wird sie sofort komplett fällig.
Messestadt Riem
Durch den Einsatz der späteren Bewohner ist das Projekt in
dem neuen Münchner Stadtteil, auf dem Gelände des ehemaligen
Flughafens im Osten der Stadt, entstanden. Er sollte unter den Vorgaben
des Klimabündnisses und der Agenda 21 von Anfang an besonders ökologisch
gebaut werden. Wegen seines innovativen Konzepts wurde er international
beachtet. In Riem entstanden in den vergangenen Jahren 42 autofreie
Eigentums- und Genossenschaftswohnungen. Zwei Gemeinschaften von Wohnungseigentümern
und -mietern haben das Konzept des autofreien Wohnens in die Tat umgesetzt:
Die Mitglieder der Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG) "Autofrei
Wohnen", die seit 1999 in Riem in den ersten autofreien Wohnungen
leben. Und seit 2001 die Mitglieder der Genossenschaft WOGENO mit ihren
ökologischen und gemeinschaftsorientierten Leitlinien.
Diese Broschüre,
die nun in zweiter, überarbeiteter und aktualisierter Auflage
vorliegt, will weiteren autofreien Wohnprojekten Ermutigung sein und
zudem Bauträger, Planer und Architekten mit dem ersten notwendigen
Wissen versorgen, wie man solche Projekte angehen kann. Wir legen die
Vorgeschichte des Projekts einschließlich der Schwierigkeiten
dar, zeigen rechtliche Abmachungen unter den Bewohnern, geben Tipps
für weitere autofreie Projekte und listen auf, wo in München
in den nächsten Jahren ähnliche Vorhaben geplant sind.
Maria Ernst und Gunhild Preuß-Bayer
für die Initiative "Wohnen ohne Auto"