Vom Autoverzicht zu den Vorteilen autofreien Wohnens (von Andrea Dittrich)

Zum Umgang mit einem neuen Planungsansatz

Leben ohne (eigenes) Auto ­ damit wird oft ein unfreiwilliger Verzicht verbunden, der mit Einschränkungen in der Mobilität der betroffenen Menschen einhergeht. Die Ergebnisse neuerer wissenschaftlicher Untersuchungen weisen in eine andere Richtung. Ein Leben ohne Auto bzw. ohne eigenes Auto, immerhin für etwa 28 % der Haushalte in der Bundesrepublik tägliche Realität, kann durchaus auch individuelle Vorteile haben und ist keineswegs zwangsläufig mit einer Einschränkung von Aktivitäten und Mobilität verknüpft. Wenngleich (noch) nicht bereits von dem Entwicklungstrend des "nachautomobilen Lebensstils" gesprochen werden kann, ist aus diesen Erkenntnissen heraus, trotz des ungebrochenen Trends zu mehr Autobesitz und Autonutzung, insbesondere in den Ballungsräumen auch zukünftig ein hoher Anteil autofreier Haushalte zu erwarten.

Wohnangebote, die für die in diesen Haushalten lebenden Menschen die Möglichkeit schaffen, im näheren Wohnumfeld vom eigenen Mobilitätsverhalten zu profitieren, gibt es bislang nicht. Der Ansatz "Autofreies Wohnen" gehört sicherlich zu den derzeit am häufigsten diskutierten Planungsansätzen. Kaum eine größere Stadt, in der nicht debattiert wird, in der nicht mögliche Standorte gesucht werden oder bereits konkrete Vorhaben und Projekte bestehen.

Die in Diskussionen und Fachveröffentlichungen verwendeten Begriffe und Definitionen sind vielfältig: "autofreies Wohnen", "autoarmes Wohnen", "autoreduziertes Wohnen", "autobefreites Wohnen", "stellplatzfreies Wohnen", "Wohnen ohne (eigenes) Auto", um nur einige zu nennen.

All diese Begrifflichkeiten haben eine Gemeinsamkeit: im (Wort­) Mittelpunkt steht das Auto. Ein Umstand, den man im gesamten Planungs­ und Realisierungsprozess beobachten kann. Ob in der Fachliteratur, in Presseberichten, in Diskussionsrunden mit Bürgerinnen und Bürgern oder Abstimmungsgesprächen innerhalb der Verwaltung; zentraler Dreh­ und Angelpunkt ist das Auto.

Das Problematische daran ist die Richtung, in die die Diskussion gelenkt wird: Auch eine "autobefreite Wohnsiedlung" kann leicht als etwas Unvollständiges interpretiert werden, als ein Gebiet, in dem schlicht etwas fehlt. Dies wiegt um so schwerer, da das Auto in den Köpfen der meisten Menschen noch immer direkt mit Mobilität gleichgesetzt wird. Wer möchte schon irgendwo hinziehen, wo (Auto­)Mobilität fehlt? Worte wie "verzichten", "gesperrt" und "begrenzt", wie sie in Projektbeschreibungen leider zuhauf auftauchen, verstärken eine derartige Interpretation noch. Kurz, ein negativer Eindruck überwiegt. Die Fixierung auf das Auto zieht sich bis in die Gestaltung der Verkaufsunterlagen. So besitzt der Werbeprospekt des Bremer Wohnungsunternehmens GEWOBA für das Projekt "Wohnen ohne eigenes Auto" in Bremen­Hollerland ein durchgängiges Leitmotiv, das dem Betrachter schon auf der ersten Seite ins Auge springt: Ein Autoverbotsschild. Einen Hinweis, eine graphische Verdeutlichung dessen, was in dieser Siedlung für Qualitäten geschaffen werden sollen, sucht man dagegen vergeblich (vgl. Abbildung).

Es wäre sicherlich verkürzt, das Scheitern dieses Projektes auf die Gestaltung des Verkaufsprospektes zurückzuführen. Aber diese Art des Umgangs mit dem Thema ist sicher eine denkbar schlechte Voraussetzung für eine erfolgreiche Realisierung autofreier Planungen; die starke Konzentration auf den Verzichts­ und Verbotsaspekt, auf das "ohne eigenes Auto mobil sein zu müssen", scheint wenig geeignet, Interesse am autofreien Wohnen zu wecken.

 

Ein neuer Umgang mit dem Thema ist also gefordert. Schaut man sich das hochwertige Angebot an, das die derzeit diskutierten Projekte und Planungen ihren künftigen Bewohnern machen, wird deutlich, dass dies nicht nur aus Gründen der Akzeptanz und des Marketings wichtig, sondern schlicht auch sachlich geboten ist. Ob das die Versorgungs­ und Freizeiteinrichtungen in direkter Umgebung, die gute Rad­ und Fußverkehrsinfrastruktur, der qualifizierte ÖV-Anschluß und das Car-Sharing sind oder aber das Plus an Grün­ und Spielflächen: die planerische und städtebauliche Konzeption autofreier Quartiere liefert sicherlich genügend Ansatzpunkte für ein Marketingkonzept, das auf Angebot und positive Anreize setzt.

Dass Mobilität ohne eigenes Auto erfolgreich als Marketinginstrument genutzt werden kann, zeigt das Projekt "Stadthaus Schlump" in Hamburg. "WOHN MOBIL" taufte der private Investor das Projekt, ein umgebautes Krankenhaus in der Hamburger Innenstadt, das etwa 40 Wohneinheiten umfasst. Kern des Konzeptes: Die Mieter erhalten beim Einzug eine Chipkarte mit Geheimcode und können damit direkt auf einen hauseigenen Fuhrpark, zu dem u. a. auch ein Elektrofahrzeug gehört, zugreifen. Ergänzt wird dieses Angebot durch eine Reihe von Leihfahrrädern sowie eine ÖPNV-Jahreskarte, die allen Haushalten zur Verfügung gestellt wird.

Auch wenn "WOHN MOBIL" bei dem einen oder anderen autoorientierte" Assoziationen wecken wird, so verknüpft der Name doch die zwei positiv besetzten Vokabeln "Wohnen" und "Mobilität". In den Mittelpunkt der Marketingstrategie stellt der Investier das angebotene "Mobilitätspaket", das den Mietern, so der Verkaufsprospekt, "die Möglichkeit gibt, im Großstadtverkehr gut voranzukommen". Dass durch die geringe Anzahl der realisierten Stellplätze nicht jeder Mieter über einen gesicherten Parkplatz verfügen kann, wird da zur vernachlässigbaren Nebensache.

Der Erfolg dieser Marketingstrategie kann sich sehen lassen: Die Presse, von Wohnmagazinen bis über die Zeitschrift "AutoBild", rühmten das Konzept, die Mietwohnungen waren schnell vergeben (Vgl. AutoBild 23/1996). Ein veränderter Umgang mit dem Thema ­ weg vom Verzicht, hin zu den Vorteilen autofreien Wohnens ­ führt uns zu einer schlichten, aber treffenden Definition dieses Planungsansatzes:

Autofreies Wohnen bezeichnet ein Wohnangebot, das sich speziell an Haushalte ohne (eigenes) Auto richtet, mit dem Ziel, für diese Vorteile zu schaffen.

Die derzeit diskutierten Projekte zeigen dabei deutlich, dass sich die rechtliche, planerische und städtebauliche Konzeption und damit auch die gewonnenen Qualitäten bzw. Vorteile je nach örtlichen Gegebenheiten und den Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich gestalten kann. Von der Errichtung einzelner innerstädtischer Bauobjekte, wie dem 'Kolumbusplatz' in München oder der Grünenstraße" in Bremen bis zum Neubau autofreier Wohnquartiere im Rahmen größerer Stadterweiterungsgebiete, wie z. B. im Wiener Projekt "Floridsdorf', reichen die derzeit diskutierten Projekte. Mit dem Vorhaben "Vauban" in Freiburg oder auch dem erwähnten "Stadthaus Schlump" in Hamburg sind darunter auch Projektansätze, die sich sowohl an autofreie als auch an autobesitzende Haushalte wenden. Beispiel Freiburg: Auf einer 38 ha großen, überwiegend für Wohnnutzung vorgesehenen städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme soll Mobilität ohne eigenes Auto gefördert werden. Bausteine des Konzeptes sind u. a. die Stärkung der Verkehrsmittel des Umweltverbundes, die Einführung eines Car-Sharing-Angebotes sowie eines speziellen Parkierungskonzeptes, das die notwendigen Stell- und Parkplätze in gemeinschaftlichen Parkierungsanlagen konzentriert. Durch die damit mögliche Trennung von Wohnkosten und Kosten der Autohaltung wird den künftigen Bewohnern, die kein eigenes Auto besitzen bzw. es bei Einzug ins Gebiet abschaffen, neben der hohen Wohnqualität auch ein konkreter finanzieller Vorteil geboten.

Das verbindende Element der einzelnen, sehr unterschiedlichen Konzeptionen liegt in der Herangehensweise: Im Vordergrund der Planung stehen erstmals die Menschen, die ihr Leben ohne eigenes Auto gestalten; erstmals soll versucht werden, für diese Menschen ein Wohnangebot zu schaffen, das ihnen die Möglichkeit gibt, von ihrem Verhalten zu profitieren.

Trotz einiger hoffnungsvoller Ansätze steht die Idee autofreien Wohnens insgesamt noch am Anfang einer (möglichen) Entwicklung. Die Neuartigkeit des Ansatzes, das Abweichen von einer über Jahrzehnte eingeübten Planungspraxis, erfordert in der Umsetzung vor Ort derzeit noch politischen Mut und vor allem einiges Stehvermögen. Die Entwicklungen des Projektes Bremen "Hollerland" haben dabei den Gegenwind, der engagierten Planern, Politikern und Bürgern ins Gesicht bläst, sicherlich verstärkt.

Ob die Akzeptanz des Ansatzes weiter wächst, wird dabei auch davon abhängen, ob sich ein veränderter Umgang mit dem Ansatz "Autofreies Wohnen" durchsetzen kann. Autofreies Wohnen muss stärker als bisher aus der "Zwangsverzichtsecke" gelöst und schlicht als neue Wohnalternative gesehen werden, die den Markt bereichert und Impulse für veränderte Wohn­ und Lebensqualitäten gibt; eine Alternative, bei der nicht der Verzicht, sondern die Realisierung eines Gewinns im Vordergrund steht.

 

Wohn mobil

Wohnen und Mobil sein ­ zwei Grundbedürfnisse der Menschen. Im gleichen Maß, in dem die Bedürfnisse wachsen, sind diese immer schwieriger zu erfüllen ­ besonders in der Großstadt. Mit unserem Konzept für Wohnen und Mobilität wollen wir die vier preiswertesten und dabei umweltgerechten Verkehrsmittel für unsere Mieter fördern.

Auszug aus dem Werbeprospekt "Stadthaus Schlump"